Abschluss & Reflexion

Als Veranstaltende fanden wir die  Take-Back-The-Night-Demo am 07.09.2018 kraftvoll und bestärkend, da es eine größere  Beteiligung gab, als wir im Vorfeld gedacht hätten und darüber haben wir uns sehr gefreut. Dennoch gibt es auch  Kritik, die thematisiert werden sollte und wir möchten zu verschiedenen Punkten Stellung nehmen sowie weiteren Gedanken Raum geben.

 

Anlass der Demo war der Angriff in der Nacht zum „Vatertag“ auf eine lesbische nicht-binäre Trans*person hier in Kiel. Diese männliche Gewalttat in der Öffentlichkeit macht wütend, sie zeigt den Zustand der Gesellschaft auf, in dem solche Taten anscheinend folgenlos  von Täter*innen begangen werden können.

Die vom Angriff betroffene Person schlug eine TBTN-Demo als Reaktion vor, sodass diese am 07.09.2018 stattfinden konnte. Ziel war, dieses Thema nicht unbeantwortet zu lassen und unserer Wut in Form einer Take-Back-The-Night Demo am 7. September 2018 kollektiv und solidarisch Raum zu geben.

Leider haben wir versäumt, in unserem Aufruf und den begrüßenden Worten auf der Demo den Anlass zu benennen.

 

Wir denken, dass es eine bequeme Ablenkung war, sich eher mit Orga-Angelegenheiten zu beschäftigen, um die für uns unbequeme Thematisierung des Anlasses und das Involvieren der betreffenden Person nicht konkret machen zu müssen. Als Konsequenz haben wir dies zu lange aufgeschoben und am Ende vollends verdrängt. Letztendlich wurde der Anlass auf der Demo von der Person selbst in einem Redebeitrag benannt. Auch die Initiative zu diesem ging von ihr aus. Es hätte aber insgesamt von uns aus die Initiative kommen müssen, so haben wir die Verantwortung verkehrt. Wir haben uns somit unsolidarisch verhalten, was nicht hätte passieren sollen.

 

Das FLTIQ*-Konzept dient uns zum Selbst-Empowerment und Selbst-Bestimmung, da wir sonst in Strukturen groß werden, die uns vermitteln, das Mensch cis-männlich sein muss, um über die Fähigkeit zu verfügen, die aktiven, lauten und sozial gut angesehenen Aufgaben auf einer Demo übernehmen zu können. Das ist ein Spiegel des allgemeinen gesellschaftlichen Zustandes. Als FLITQ*s auf die Straße zu gehen, unterstützt Solidarität unter FLTIQ*s und gibt uns Mut, da wir nicht (mehr) alleine sind. Für uns steht also im Vordergrund, dass wir einen weitestgehend geschützten Raum einnehmen, der uns sonst selten gegeben ist. Noch immer dominieren cis-männliche Vorstellungen und Verhaltensweisen unser Miteinander (beginnend im Kindergarten, Schule, Job, Uni, Medien, Kneipen, Diskos, Demos). Diese Vorstellungen und Verhaltensweisen basieren immer noch auf  einer Abwertung von Nicht-cis-Männlichkeit (zum Beispiel Schwäche zeigen, weinen, Fehler eingestehen etc.) . Deshalb sehen wir in einer FLTIQ*-only Demo die Möglichkeit Gleichberechtigung selbst zu erlernen, die wir in der Gesamtgesellschaft sehen wollen. Die Erfahrung sich selbst individuell auf einer FLTIQ*-only Demo zu empowern gelingt nur durch ein FLTIQ*-Kollektiv. Es ist eine Möglichkeit im Vorhinein die strukturell häufig auftretenden Hierarchien, basierend auf cis-Männlichkeit, zu vermeiden und gemeinsam solidarisch zu sein. Dies bedeutet allerdings nicht, dass FLTIQ*-Räume frei von Hierarchien sind. Wir müssen uns ständig kritisch selbst-reflektieren, um beispielsweise rassistisches, trans- und interfeindliches, ableistisches, sexistisches und antisemitisches Verhalten zu benennen und zu verhindern.

 

Außerdem kam die Frage auf, warum wird das Q* (für Queer) im FLTI aufgenommen haben. Es ist etwas verwirrend, da es eigentlich schwule cis-Männer mit einschließt. Unser Ziel war es, auch nicht-binäre, bi, gender-fluide und viele weitere Identifikationen mit einzuschließen. Daher haben wir uns für die Aufnahme des Q* entschieden, mit dem Hinweis, dass damit keine cis-Männer gemeint sind. Wir haben den Begriff, im Aufruf nicht erklärt und möchten dies daher in diesem Text gerne nachholen: Eine Person ist cis, wenn ihre Geschlechtsidentifikation mit dem ihr bei Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Diese Lösung ist nicht vollständig befriedigend, da sie auch danach klingen kann, dass Identitäten lediglich mitgedacht werden. Unser Ziel wird es sein, ständig über die Sichtbarkeit so vieler Identitäten wie möglich und wie dies durch Sprache passieren kann, zu reflektieren, auch im Rahmen potentiell weiterer Demos.

 

Des Weiteren war negativ, dass die Demo im dunklen Park endete und kein Begleitkonzept existierte. Ursprünglich war das Demo-Ende vor dem Sparkassengebäude (beleuchtet) geplant, was
aber spontan vor Ort von der Polizei in den Park verlegt wurde. Wir befürworten für eine weitere Demo daher ein Begleitkonzept, weil es generell für einen sichereren Abschluss sorgt und negative Auswirkungen bei einer Routenänderung abschwächen kann.

 

Im Laufe der Demo kam es zu verschiedenen Arten von Störungen, diese wiederum haben verschiedene Aspekte deutlicher gemacht. Einerseits konnten wir in diesen Situationen solidarische und empowernde Zusammenarbeit feststellen. Andererseits ist ein größeres Awareness-Team wünschenswert, um Situationen verschiedener Arten nicht alleine gegenüber zu müssen und bereits bei Beginn von Störungen gemeinsam agieren zu können.

 

Auf der Demo haben wir Zettel mit Demo-Sprüchen verteilt. Der Spruch „Was kotzt uns so richtig an: Einteilung in Frau und Mann“ ist inhaltlich nicht ganz klar und hat schon zu einem Missverständnis bei der 8. März-Demo geführt. In der KN wurde er als Unmut von cis-Männern verstanden, die aufgrund des FLTI*-Blocks vorne nicht mitlaufen durften. Wir möchten uns klar von dieser Interpretation distanzieren.

Nächstes Treffen zur Demoplanung (FLTIQ*-ONLY) am 10. Oktober 2018 (15h) im LiLa/Gaarden

Einladung zum nächsten Demoplanungstreffen (FLTIQ*-ONLY) am 10. Oktober 2018 um 15 Uhr im Libertären Laden [LiLa] in der  Iltisstraße 34 Kiel-Gaarden.

FLTIQ*-Only meint: cis-Frauen, Lesben*, Trans*, Inter* und Queers*. Eingeladen sind alle die sich nicht als cis-Männer identifizieren.

cis meint im Gegensatz zu trans. Damit werden Menschen bezeichnet, die sich in dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht wohlfühlen und diese Zugehörigkeit auch nicht in Frage stellen.

 

 

Take Back The Night FLTIQ*-Only Demo in Kiel am 07. September 2018

——-english version below———-
Wir sind wütend!
Wütend über die sexistische und sexualisierte Gewalt, die Frauen, Lesben, Trans*, Inter*, Queers (FLTIQ*) am Tag und in der Nacht erfahren. 
Am 07. September 2018 ab 19:30 Uhr wollen wir FLTIQ*-only in der Kieler Innenstadt (Start am Exerzierplatz) laut und feiernd Sexismus, sexualisierte Gewalt, Homo- und Trans*freindlichkeit und Rassismus entgegentreten.
Zu keiner Tageszeit sind Straßen für FLTIQ* wirklich sicher, aber vor allem nachts häufen sich Übergriffe, auch hier in Kiel. Schon früh werden FLTIQ* mit vermeintlichen Ratschlägen konfrontiert: „Geh nachts nicht alleine raus, lass dir kein Getränk ausgeben, trink nicht zu viel, zieh dich nicht zu freizügig an, sei freundlich, aber nicht zu freundlich…sei nicht prüde aber auch nicht schlampig, geh nicht alleine nach Hause.“
Dies stellt eine gravierende Verschiebung der Verantwortung dar, weg von den Täter*innen und hin zu den Betroffenen. Zu häufig wird die Schuld für sexualisierte Gewalt nicht bei den Täter*innen gesucht, sie werden entschuldigt und Betroffene werden mit Vorwürfen konfrontiert. Wir fordern daher klar, victimblaiming und slutshaming kann und darf nicht die Antwort auf Übergriffe jeglicher Art sein.
Benötigt wird daher eine solidarische Gesellschaft, in der sexistische und sexualisierte Gewalt kein Normalzustand mehr ist, eine Gesellschaft, die Raum für selbstbestimmtes Handeln lässt, persönliche Grenzen respektiert und anerkennt. Lasst uns sichere Räume für alle schaffen!
Wir rufen deshalb zur Solidarität unter FLTIQ* auf. Wir rufen dazu auf, gemeinsam gegen patriarchale Strukturen anzukämpfen, gemeinsam, mit lauter Sprache und sichtbarem Handeln gegen jede Form von Sexismus dieser Gesellschaft! Lasst uns geschlossen die Straßen zurückerobern, tanzend, laut, solidarisch.
HINWEIS: Es ist ein Aufruf zu einer Frauen, Lesben*, Trans*, Inter* und Queer ONLY Demo. Wir bauen auf das Kommen aller FLTIQ*s und das respektvolle Anerkennen dieser Tatsache von Seite der cis-Männer!
English version:
We are angry!
Angry about the sexist and sexualized violance that women, lesbians, trans*, inter* and queers (WLTIQ*) have to face during the day and at night.
On the 7th of September 2018 at 19:30h (begin at Exerzierplatz) we (WLTIQ*-only) want to demonstrate loud and proud against Sexism, sexualized violence, homo- and trans*hostility and Racism.
Women, Lesbians*, Trans*, Inter* and Queers: Let’s be solidary and reclaim the streets!
PLEASE NOTE: This is a call for Women, Lesbians*, Trans*, Inter* and Queers* ONLY! We build on WLTIQ*s -ONLY to come to the demonstration and the respectful acknowledgment of this fact by cis-males!